Sitzungszimmer – Somerville

somervilleParterre. Freundlicher Raum mit mehreren kleinen Holztischen und Stühlen. Eignet sich für maximal 18 Personen.
Raumgrösse: 24 m²

 

 

 


Preise:

Halber Tag* = 90 CHF;
Ganzer Tag = 120 CHF; Vor- und Nachmittag = 120 CHF; Nachmittag und Abend = 120 CHF;
Ganzer Tag inkl. Abend = 150 CHF


Mary Somerville (1780 – 1872) wuchs in Schottland in einer wohlhabenden Familie auf, in der Wert auf eine angemessene Erziehung gelegt wurde. Während ihre Brüder mit einem Studium auf ihre berufliche Laufbahn vorbereitet wurden, war Marys Ausbildung auf das konzentriert, womit sich eine Frau beschäftigen musste: Sie sollte in der Lage sein, einen Haushalt zu führen und gepflegte Unterhaltung zu betreiben. Sie lernte zeichnen, handarbeiten, reiten, Klavier spielen und ein wenig die französische Sprache. Für ein Jahr besuchte sie eine Schule, um einfachste Rechenaufgaben lösen zu lernen, damit sie auch die Haushaltskasse überblicken konnte. Ihre Lesekenntnisse waren dazu gedacht, dass sie in der Lage war, die Bibel oder eventuell eine Zeitschrift lesen zu können. Die Schicklichkeit verlangte ausserdem gewisse Schreibfähigkeiten, um persönliche Briefe, die sich auf die Familie bezogen, schreiben zu können.

Zufälligerweise wurde in einer Zeitschrift ein mathematisches Rätsel gestellt, welches Marys Tanten auch nicht lösen konnten, das aber ihr Interesse an der Algebra herausforderte. Da es ihr als Frau unmöglich war, einen der seltenen Buchläden zu betreten, bat sie den Lehrer ihres Bruders ihr elementare Mathematikbücher zu kaufen und brachte sich so heimlich Geometrie und Algebra bei. Ihre Eltern waren auf das äusserste darüber entsetzt, als sie eines Tages von den Machenschaften ihrer Tochter erfuhren. Mary wurde jede weitere Beschäftigung mit diesen abstrakten Dingen untersagt, da man fürchtete, dass solcherlei Interessen sehr schnell in den Wahnsinn führen könnten. Mit diesem Verbot wurden allerdings nicht die geweckten Interessen der Mary Somerville beeinflusst. Ihre Vorliebe richtete sich immer stärker auf die Naturwissenschaften.

1804, im Alter von 24 Jahren heiratete sie ihren Cousin Samuel Greig. Nur drei Jahre später starb ihr Mann, hinterliess aber Mary und den zwei Söhnen ein gutes Auskommen. Der Tod ihres Mannes gab ihr Möglichkeit sich intensiv ihrem Selbststudium widmen zu können. Sie brachte sich Mathematik bei, las Newtons “Principia”, ein Buch, das die Basis zu einer mathematischen Beschreibung der physischen Welt legte, und lernte Latein und Griechisch. Die dazu notwendigen Bücher konnte sie sich aus ihrem naturwissenschaftlich interessierten Freundeskreis besorgen lassen. Der Zutritt zu öffentlichen Bibliotheken war für Frauen nicht möglich.

1812 heiratete Mary einen anderen Cousin, Dr. William Somerville, einen Arzt der Marine. Mit ihm sollte sie vier weitere Kinder zur Welt bringen. Das Paar teilte ein reges Interesse für Mathematik und Naturwissenschaften. Man traf sich mit anderen interessierten Laien in wissenschaftlichen Vereinen, um dort Vorträge von Gelehrten zu hören und die neuesten Errungenschaften der Wissenschaft zu diskutieren. Darüber hinaus pflegten die Somerville einen intensiven Kontakt zu vielen Professoren der naturwissenschaftlichen Fakultäten ganz Europas. Das Sprachrohr war dabei aber immer der Ehegatte der Mary Somerville, da die gesellschaftlichen Umstände ihr keinen direkten Briefverkehr mit den männlichen Gelehrten erlaubten.

Mit einer eigenen wissenschaftlichen Arbeit trat Mary Somerville erstmals 1825 in der wissenschaftlichen Welt auf, mit einer experimentellen Abhandlung zum Magnetismus. Diese Arbeit belebte, zumindest kurzfristig, die aktuelle Diskussion und brachte ihr erhebliches Ansehen ein. Infolgedessen, wurde sie angefragt, ob sie die “Mécanique céleste” von de la Place ins Englische übertragen wolle. De la Place beschrieb darin mit schwierigen mathematischen Methoden das Sonnensystem. Mary Somerville gelang es, die Konzepte de la PlaceÔs in eine einfache Sprache zu übersetzen und zu kommentieren. Sie verschaffte damit nicht nur der englischsprachigen Welt den verlorengegangen Anschluss an die mathematische Physik, sondern öffnete einem weiteren Publikum den Zugang zu den neuen Theorien. Ihre “Mechanics of Heaven” wurde zu einem grossen Erfolg, der bis zu Beginn dieses Jahrhunderts noch als Standardwerk für höhere Mathematik und Astronomie diente.

Zusammen mit ihrem Mann legte sie eine Mineraliensammlung an, beschäftigte sich mit Geologie, Botanik, Meteorologie und einer astronomischen Datierung von altägyptischen Papyrusrollen. Dazu verfasste sie in den verschiedenen Gebieten wissenschaftliche Schriften. Ein weiteres Buch “Relation of physical sciences” fasste das damalige Wissen über Astronomie, Mechanik, Magnetismus, Elektrizität, Wärme und Schall zusammen und erlebte 10 Auflagen im Englischen. Es wurde in mehrere Sprachen übersetzt. Andere, äusserst populäre Werke, die die aktuellen wissenschaftlichen Strömungen darstellten und erläuterten, folgten. Mehrere avancierten zum Standard der damaligen Wissenschaft. Infolgedessen wurde Somerville Ehrenmitglied vieler Akademien und mit Preisen überschüttet.

Neben der Naturwissenschaft galt ein Anliegen ihrer Arbeit und ihres Engagements der öffnung der Ausbildungsstätten für die Frauen. Erste Ansätze dazu konnte sie noch erleben, als Paris und Zürich erstmals 1867 Frauen zum Medizinstudium zuliessen (bemerkt sei hier, dass Bern 1870 nachfolgte). Eine Ausbildung für Frauen sah Somerville sogar vordringlicher als politische Gleichstellung durch das Frauenwahlrecht.

Mary Sommerville war wohl eine der letzten Amateurgelehrten, die noch die verschiedensten Zweige der Wissenschaft überschauen konnte. Sie nutzte ihre Möglichkeiten, die nicht auf der forschenden Seite, sondern in der klaren und verständlichen Darstellung des Wissen lag.

Literatur:

  • Hypatias Töchter: der verleugnete Anteil der Frauen an der Naturwissenschaft. Unionsverlag, Zürich, 1991.
  • Mary Somerville, 1780-1872. E. C. Patterson, Bocardo and Church Army Press, Oxford, England 1979.
  • Ebenso kühn als neu: 120 Jahre Frauenstudium an der Universität Zürich. eFeF Verlag, Zürich, 1988.